Erzählung vom Chinesischen Kaiser und dem Bild vom Hahn

Einst gab es einen Kaiser, der liebte Hähne ganz besonders. Eines Tages beauftragte er darum den zu seiner Zeit berühmtesten Maler des Reiches, ihm einen Hahn zu malen. Der Maler entgegnete, er benötige dazu drei Jahre. Innerlich war der Kaiser unzufrieden, willigte aber dennoch ein.

Als drei Jahre vergangen waren, befahl der Kaiser den Maler zu sich, sah aber, dass dessen Hände leer waren und fragte ungeduldig: »Was ist mit meinem Hahnenbild?« Der Maler blieb ganz ruhig, nahm an Ort und Stelle ein Blatt Papier zur Hand und begann zu malen: Man sah den Pinsel fliegen und die Tusche tanzen. Mit großer Leichtigkeit bannte er einen naturgetreuen Hahn in all seiner Lebendigkeit auf das Papier, insgesamt brauchte er dafür nicht einmal drei Minuten. Als der Kaiser dies sah, konnte er nicht an sich halten und geriet in Zorn: »Führst du hier absichtlich deinen Fürsten hinters Licht, rebellierst du gar? Du brauchst alles in allem bloß drei Minuten, warum lässt du mich geschlagene drei Jahre auf dich warten?« Der Maler sprach: »Beruhigt bitte zunächst Euren donnernden Zorn, dann folgt mir und seht selbst.«

Der Maler führte den Kaiser sogleich vor ein großes Haus, stieß die Tür auf und mit einem Blick ins Innere wurde der Kaiser gewahr, dass das Haus bis unter die Decke angefüllt war mit Skizzen von Hähnen. Daraufhin sprach der Maler zum Kaiser: »Dies hier sind meine Arbeiten von drei geschlagenen Jahren. Ohne diese dreijährigen Anstrengungen – wie hätte ich da innerhalb von drei Minuten einen solch perfekten Hahn für Euch vollenden können?«

Ich danke Norbert Pautner sehr herzlich für die Übersetzung der Erzählung aus dem Chinesischen.

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